![]() Rubinroter Wein |
Wenn ich an Wein und an Weinanbaugebiete denke, da fallen mir spontan Länder wie Italien, Frankreich und Deutschland ein. Aber Mallorca, das käme mir nie in den Sinn. Letzen Monat las ich in einer Weinzeitschrift von den hervorragenden Weinen auf Mallorca und ich beschloss dieser Information mal auf den Grund zu gehen. Dass Mallorca mehr als nur den Ballermann zu bieten hat, das wusste ich bereits, dass aber Mallorca mit Wein in Verbindung zu bringen ist, war mir bis dato neu. Früher interessierte sich auch so gut wie niemand für Mallorcas Weine, bis Mitte der 1990er Jahre ein paar einheimische Freaks auf die Idee kamen, mit alten mallorquinischen Rebsorten zu experimentieren. „Joves Folls“, junge Verrückte, wurden sie von der älteren Generation genannt. Doch die „Jungen Wilden“ machten das Unmögliche möglich: |
Sie erregten Aufsehen und holten sogar Auszeichnungen mit dem Kult-Wein „Ànima Negra“ (schwarze Seele). Inzwischen hat sich Mallorcas neuer Ruhm herumgesprochen, und Weinliebhaber sind mit den Namen der wichtigsten Bodegas (Weinkellereien) vertraut. Wichtig noch zu wissen ist, dass nicht jeder mallorquinische Wein aus einheimischen Trauben gekeltert wird. Viele Winzer bauen auch bekannte französische Trauben wie „Cabernet Sauvignon“, „Chardonnay“, „Merlot“ oder „Syrah“ an. Hundert Prozent authentisch sind die Rebsorten „Manto negro“ und „Callet“. Mallorcas älteste Bodega „Hereus de Ribas“, 1711 gegründet, experimentiert seit einigen Jahren mit der fast vergessenen urmallorquinischen Rebe „Gargollasa“. |
Sogar Weine aus ökologischem Anbau stehen auf Mallorca zur Auswahl. Derzeit gibt es immerhin schon vier Öko-Weingüter. Das balearische Öko-Garantiesiegel dürfen nur Weine tragen, deren Rebstöcke nicht mit Pestiziden oder Kunstdünger behandelt wurden. Mallorcas wichtigstes Weinanbaugebiet befindet sich in der sogenannten „Comarca Binissalem“, den fruchtbaren Ländereien am Rande der östlichen Tramuntanya-Ausläufer. Diese Region umfasst die Grenzen von gleich fünf Gemeinden: Santa Maria del Cami, Consell, Binissalem, Sencelles und Santa Eugenia. |
![]() Ökologischer Anbau auf Mallorca |
Die Kultur des Mittelmeeres hängt in der griechisch-römischen Mythologie eng mit dem Weinanbau zusammen. So erzählen die Legenden vom Besuch des jüngsten und lebensfreudigsten aller Götter des Olymp auf den Balearen. Bacchus, auch Dionysos genannt. |
![]() Bacchus |
Der Schutzherr über Traube und Rebe gilt seit Menschengedenken als Symbol feuchter Fröhlichkeit. Dass Bacchus sich während seiner ekstatischen Phasen für längere Zeit auf Ibiza verloren haben soll und der Insel so zu ihrem eigentümlichen Ruf verhalf, scheint ebenso glaubwürdig, wie die Irrfahrt des Odysseus nach Cabrera... Dennoch gilt das Bild des stets beschwipsten und auf der Harfe klimpernden Baccus seit Jahrhunderten als Befreiung von Sorgen und Problemen an den Tischen der balearischen Esskultur. Sein Lieblingsgetränk - der Wein - verbüßte zu keinem Zeitpunkt der Geschichte den Verlust seiner kulturellen und gastronomischen Bedeutung auf den Inseln ein. Auch wenn der balearische Wein im Laufe der Jahrhunderte viele Höhen und Tiefen erlebte. |
Viele antike Dokumente, die im Laufe der Jahrhunderte auf den Balearen gefunden und gesammelt wurden, deuten darauf hin, dass der Ursprung des spanischen Weines semitisch ist und dass die ersten Reben, die diesen Breitengraden des europäischen Kontinents angebaut wurden, phönizianische waren. Weiter zurückliegende Überlieferungen über den Weinanbau auf der Insel sind nicht bekannt, wohl aber die Tatsache, dass man seit frühesten Zeiten auf Mallorca gern Wein trank. Geschichtsschreiber unterstellen den berühmten balearischen Schleuderern, also jenen Männern, die an Hannibals Seite gegen das „Imperium Romanum“ kämpften, einen außergewöhnlichen Weindurst. Heute ist durch den Fund unzähliger Trinkgefäße aus dem 7. und 6. Jahrhunderts vor Christi, in denen der Wein über das Mittelmeer transportiert wurde, bewiesen, dass schon immer ausreichende Mengen von Rebensaft auf den Inseln vorhanden war. |
Ebenso als bewiesen scheint die Tatsache, dass die Römer, die mit dem Feldherrn Quinto Cecilio Metelo die Inseln 123 v. Chr. eroberten, die ersten waren, die Reben auf die Insel brachten und anbauten. Unter dem römischen Einfluss und der späteren Verbreitung des christlichen Glaubens wurde dem Wein eine spezielle Wertigkeit zugeschrieben. Diese kulturelle Rolle des Weines änderte sich schlagartig mit der Eroberung Mallorcas durch die Araber.
„Andere Länder - andere Sitten“ heißt es schließlich. Der Koran verbot die Weinherstellung. Dennoch, so scheint es, hielten sich die meisten Muselmanen nicht an dieses Gesetz und bauten mit Hilfe von ausgefeilten Bewässerungssystemen weiterhin Wein auf den Inseln an. |
![]() Frühe Funde |
Laut Aussage von arabischen Fundamentalisten geschah dies aber nur deswegen, weil die bei der Traubenernte gewonnenen und getrockneten Rosinen als attraktives Nahrungsmittel unter maurischen Besetzern galten. Im Herbst des Jahres 1229 befreiten die Truppen Jaime I. Mallorca von den Mauren und einem generösen Alkoholverbot. Nachdem die Insel wieder in christliche Hände gekommen war, bestand eine der ersten Taten des Königs darin, Lizenzen für den Weinanbau auf der Insel auszuteilen. Erste Nutznießer waren die Bauern der Gemeinden von Bunyola, Campos, Felanitx, Manacor, Porreres und Valldemossa. Die königliche Lizenzerteilung findet in den Geschichtsbüchern fast den gleichen Stellenwert wie die gesamte Befreiung der mallorquinischen Gesellschaft aus den arabischen Zwängen. Bis Anfang des 17. Jahrhunderts blieb die Weinproduktion auf Mallorca relativ konstant. Aus antiken Urkunden geht hervor, dass es 1622 zu einer drastischen Verminderung der Weinanbau-Flächen, vor allem in Alcudia, Artá, Inca, Manacor und Montuiri kam. Dies war die Folge eines Versuches, billigen Wein aus Tarragona und Valencia auf die Inseln zu importieren. Konkurrenz vom spanischen Festland sollte von nun an der größte Feind des mallorquinischen Weines werden. Die Weinkrise veranlasste die mächtigen Aristokraten der Insel dazu, neue Gesetze zu erlassen, die den einheimischen Winzern wieder auf die Beine helfen sollten. So wurden Pachtverträge mit Laufzeiten von bis zu 6 Jahren ausgegeben. Bauern, die Wein anbauen wollten, wurden mit 100%igen Steuerleichterungen subventioniert. Diese protektionistischen Maßnahmen brachten nach wenigen Jahren den gewünschten Erfolg. 1777 wurden insgesamt 8,8 Millionen Liter Wein in den Bodegas gekeltert. Diese unglaubliche scheinende Menge stieg bis zum Jahre 1790 auf 14,8 Millionen Liter an. 1820 verbuchten königliche Schätzer an die 33 Millionen Liter Wein. Bis zum 19. Jahrhundert hatte der mallorquinische Weinanbau seine Blütezeit. Während die Mallorquiner im Mittelmeer neuen Weinanbau-Rekorden zustrebten, verzeichnen die Winzer auf der anderen Seite der Erdkugel eine verheerende Niederlage auf den Feldern ihrer Reben. Die gefürchtete Reblaus, gelangte Ende des 19. Jahrhunderts nach Kalifornien und zerstörte dort hektargroße Flächen von Weinanbaugebieten. Monate später gelangte die Plage als Schiffspassagier auf europäischen Boden und verwüstete die in aller Welt berühmten französischen Rebstöcke. Die Wein-Erzeugung schrumpfte auf ein Minimum. Den französischen Winzern blieb nichts anderes übrig als mallorquinische Trauben zu einem guten Preis von den Inselbewohnern aufzukaufen. Die große Nachfrage ließ die Weinproduktion auf 75 Millionen Literansteigen. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass die Mallorquiner, aufgrund ihrer finanziellen Gewinne eigene maritime Transportgesellschaften gründeten, um den gefragten Traubensaft selbständig exportieren zu können. Leider zählte die Reblaus zu den ersten Passagieren auf den neu erschaffenen Schiffslinien... |
![]() Weinanbaugebiet Mallorca |
Ende Mai 1899 entdeckten Weinbauern von Algaida und Llucmayor die ersten Anzeichen der Reblaus auf ihren Feldern. Das Insekt vermehrte sich niederschmetternd schnell. Bereits Ende des Jahres waren die Weinfelder von sieben Gemeinden betroffen. Schon ein Jahr später sank die Weinproduktion so stark, dass die extra für den Export angeschafften Schiffe nicht mehr ausgelastet waren. Um 1900 sank der Export von ca. 50 Millionen Liter auf schlappe 3,5 Millionen Liter. Von den bebauten 30.000 Hektar Anbaufläche verblieben Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch 2.000 Hektar. Die von der Laus verwüsteten Felder wurden schließlich mit Mandelbäumen bewirtschaftet. |
Durch die Entwicklung von biologischen und chemischen Pflanzenschutzmitteln konnte sich die Weinrebe auf Mallorca mit der Zeit langsam aber stetig erholen. Der Bürgerkrieg in den dreißiger Jahren zog allerdings auch Mallorca in Mitleidenschaft. Und die anschließende Diktatur Francos hinterließ weder den Mallorquinern noch den Reben fruchtbares Land. So blieben den einheimischen Winzern bis 1958 noch 2.000 Hektar zum Weinanbau. In den sechziger Jahren begann dann eine neue Frucht das Interesse der Inselbewohner zu wecken: der Tourismus. Das Interesse am Weinanbau erlosch damit fast völlig. |
![]() Gefüllte Weinkeller |
Viele Erben der traditionellen Winzerfamilien verzichteten auf ihre Weinstöcke, um am neuen Reichtum der Hoteliers und Baufirmen teilzuhaben. Für sie gab es keinen wichtigen Grund, die mallorquinische Weinkultur zu pflegen. Die Mehrheit der Touristen besuchte die Insel nämlich nicht wegen mallorquinischer Nachnamen auf den Weinetiketten. Nur einige Familien blieben der alten Tradition treu. Die Arbeit der neuen Generationen dieser Betriebe kann sich sehen lassen: Qualität und Anbaufläche verbuchen stetigen Zuwachs. Besonders deutsche Wein-Liebhaber haben ihre Sympathie für die einheimischen mallorquinischen „Caldos“ entdeckt... |